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Presse

Stuttgarter Zeitung: ANDREAS PFLÜGER | 02.12.2015

Call me God Presseartikel Stuttgarter Zeitung

Call me God

Die Realität stellt die Fiktion in den Schatten

Das Göppinger Da-Capo-Theater hat sich für seine neue Produktion das Stück „Call me God“ über die Attentate des Beltway Snipers im Jahr 2002 vorgenommen. Durch die Terroranschläge von Paris hat das Geschehen eine ungewollte Aktualität erfahren.

Göppigen - Auf vier Großbildschirmen ist der Parkplatz eines Supermarkts zu sehen. Im Off fällt ein Schuss. Übergangslos wird die Szenerie auf der Bühne fortgesetzt. Der 55-jährige James Martin, gespielt von Gerald Schelle, überlebt das Attentat nicht. Er stirbt, genauso wie in den Tagen darauf neun weitere Menschen. Im Oktober 2002 versetzt der sogenannte Beltway Sniper die Region rund um Washington D.C. in Angst und Schrecken. Seine Opfer sind ganz gewöhnliche Menschen. Sie verlieren ihr Leben bei ganz gewöhn­lichen Alltagstätigkeiten, beim Rasenmähen, beim Lesen, beim Tanken oder auf dem Weg zur Schule.

Im Oktober hat das Göppinger Da-Capo-Theater mit „Call me God“ Premiere gefeiert. Durch die Terroranschläge von Paris bekommt das Stück jetzt eine ungewollte Aktualität. Vier Dramatiker, der Italiener Gian Maria Cervo, die Deutschen Marius von Mayenburg und Albert Ostermaier sowie der Argentinier Rafael Spregelburd, haben sich für „Call me God“ mit der Identitätskrise westlicher Demokratien beschäftigt und die Rolle der Medien bei der Darstellung solcher Gewaltereignisse beleuchtet. Zurück bleibt die Frage: Wie viel Sicherheit brauchen wir, und wie viel Freiheit sind wir bereit, dafür zu opfern? – In Washington D. C., in Paris oder anderswo.

Klischees verkommen zu Untertreibungen

Das Da-Capo-Theater hat in den 22 Jahren seines Bestehens immer wieder heikle Themen angepackt und sich in erster Linie dem ernsteren Genre verschrieben. Eine technisch anspruchsvollere Produktion als diese hat die Gruppe aber noch nie auf die Bühne, vor die Bühne und hinter die Bühne gebracht. Auf allen Ebenen wandelt sich die tragische reale Geschichte in eine Groteske. Und so absurd sich das schauspielerische Geschehen für das Publikum auch immer darstellen mag, die Realität stellt die Fiktion in den Schatten. Sämtliche Klischees, die vorzüglich bedient werden, verkommen zu Untertreibungen.

Da sind die hetzenden Meuten der Fernsehsender, auf der Jagd nach den besonderen Szenen, und die Talkshows, in denen alle zu Experten werden, die das Wort „Waffe“ fehlerfrei schreiben können. Da sind die betroffenen Politiker und die mahnenden Polizeifunktionäre mit ihren Appellen, dass das Leben nicht zum Erliegen kommen dürfe, und ihren Floskeln angesichts „dieser beispiellosen Welle von Gewalt“. Und da sind die sogenannten Fachleute und Wissenschaftler, die jede Gelegenheit nutzen, sich selbst in den Fokus zu rücken und für ihre Bücher zu werben, in denen sie über die Anschläge aus Zeugensicht, über das Psychoprofil des Serienmörders John Allen Muhammad oder auch nur über ärztliche Behandlungsmethoden schreiben.

Noch zwei Aufführungen im Dezember

Rund ein Dutzend Da-Capo-Mimen, die in die unterschiedlichsten Rollen schlüpfen, schaffen es, unter der Regie von Ralf Rummel, durch ihre schauspielerischen Leistungen dennoch, die Szenerie zu überzeichnen. Die hektisch agierende FBI-Hysterikerin (Margarete Kienzle) etwa, der man als Zuschauer höchstpersönlich zu Hilfe eilen möchte. Oder auch die hilflos wirkenden Polizisten, die sich immer wieder mit der gleichen Situation konfrontiert sehen und dieser mit dem lapidaren Satz „Wir haben ein Problem!“ begegnen.

Der Attentäter gibt nicht nur in „Call me God“ die Regeln vor und lässt die Ermittler im Dunklen tappen. Basiert sein Handeln auf Gesellschaftsfrust oder auf einem Ehekrach? Bekämpft er den Staat, oder zieht er in einem persönlichen Dschihad gegen seine Frau ins Feld? – Wie auch immer, der Beltway-Sniper wird durch die Grand Jury zum Tode verurteilt und hingerichtet. Der Fall ist aufgeklärt. Ein weiteres Buch wird geschrieben. Doch von einer Lösung kann keine Rede sein. Auf dem Heimweg klingt den Besuchern eines mitreißenden Theaterabends das Staccato der Polizeibeamten im Ohr: „Wir haben ein Problem!“


NWZ: AXEL RAISCH | 12.10.2015
Call me God - Plakat
Call me God

Eine Wolke von Opfern

Das Dacapo-Theater Göppingen hat am Samstag im Alten E-Werk Premiere mit dem Stück "Call me God" gefeiert, das sich kritisch mit dem Zustand der westlichen Demokratien am Beispiel der USA auseinandersetzt.

Vier Dramatiker haben an dem Stück "Call me God" geschrieben und dem Text damit eine Vielfalt an Perspektiven gegeben: der Italiener Gian Maria Cervo, der Argentinier Rafael Spregelburd sowie die aus Deutschland stammenden Autoren Marius von Mayenburg und Albert Ostermaier.

Regisseur Ralf Rummel hat es mit zwölf Laienschauspielern für das Dacapo-Theater Göppingen in eine Hundert-Minuten-Aufführung gegossen, in der die Fragen, welche das Stück aufwirft, mit diversen Mitteln verdeutlicht werden.

Die Szenen sind reich an Bildern, die die moderne Gesellschaft widerspiegeln und aufgrund ihrer inzwischen mehr als fragilen Verfassung nicht nur hinterfragen sondern fast vorführen. Es ist erschreckend, dass manches ohne weiteres vorstellbar ist oder so ähnlich sogar passiert ist, obwohl vieles - zwar auf realer Grundlage basierend - aber letztendlich doch dramaturgisch aufgemotzt wurde beziehungsweise manche Handlungsstränge fiktiv sind.

Projektionsfläche der Fragen, die an unsere Gesellschaft gestellt werden, sind die USA kurz nach der Jahrtausendwende. Realer Hintergrund: Im Oktober 2002 hält ein Scharfschütze die Vereinigten Staaten in Atem, der mindestens zehn Menschen tötete. Ende Oktober 2002 wurden zwar zwei Täter festgenommen. Das Motiv blieb aber unklar. War es die aufwendige Verschleierung des Mords an der Ehefrau, ohne das Sorgerecht für die Kinder zu verlieren, lag die Antwort im Islam oder irgendwo ganz anders? Diese Geschichte vom ersten Mord bis zur Hinrichtung bildet den Rahmen. Erste Szene ist die Hinrichtung, bevor die Rückblenden folgen.

Wo die Realität Antworten schuldig bleibt, liefert das Theater mögliche Erklärungen. Der Täter John Allen Muhammad hatte seinen Glauben in den Staat verloren nachdem ihm das Sorgerecht für seine drei Kinder entzogen worden war. Zusammen mit seinem Komplizen John Lee Malvo, der sich als sein Sohn ausgibt, tötet der frühere Soldat wahllos Menschen, um die Ex-Frau Muhammads "in einer Wolke von Opfern einzuhüllen" und damit auch den Täter. Um sie als scheinbar wahlloses Opfer erscheinen zu lassen und keine Rückschlüsse auf den Täter zuzulassen.

Regisseur Ralf Rummel selbst schlüpft in die Rolle des Beobachters von Außen, der die Ereignisse daher in größere Zusammenhänge einzuordnen versucht, von der Seeschlacht bei Lepanto bis hin zu Ereignissen unserer Tage. Unübersehbar ist die Kritik an den Medien, die wiederum der Spiegel der Gesellschaft, das Produkt der Konsumenten sind. Wo wird unreflektiert nachgeplappert, wie groß ist die Sensationssucht? Verdeutlicht wird dies in der Aufführung dadurch, dass manche Dialoge vor der Bühne über die Köpfe der Besucher hinweg gesprochen werden und das Medienrudel letztendlich vor der Bühne steht, sozusagen als Speerspitze des sensationsgeilen Publikums."Wir haben ein Problem", sagen die Polizisten bei jedem neuen Fall.


NWZ: SABINE ACKERMANN | 03.03.2014
Plakat: Im falschen Film
Im falschen Film

Dacapo Theater begeistert mit turbulenter Komödie

Eine brillante Vorstellung lieferte das dacapo Theater Göppingen im Odeon ab. Zwar waren Barbara und Ralf Rummel "Im falschen Film", die Zuschauer aber nicht. Besser kann man dieses Stück nicht spielen.

"Oh Gott, das ist so wahnsinnig kompliziert zu spielen", rutscht es einer Zuschauerin gleich nach dem Ende des ersten Aktes spontan heraus. Ohne Frage, die Dame bringt es auf den Punkt. Denn auch wenn man noch so aufpasst, wohl dem, der am Ende genau weiß, wer, was, wo, wann, wie, warum John, Laura, Barney, Bee, Alex, Jo und Stephen überhaupt spielen. Und nicht nur das. Petr Zelenkas Komödie "Im falschen Film", in der zwei am existentiellen und persönlichen Limit agierende Schauspieler das rasante Boulevardstück "Chinesen" des britischen Autors Michael Frayn auf dem Abendprogramm haben, polarisiert wie selten ein Premieren-Stück im Odeon. Beurteilen die einen die Handlung hektisch und verworren, verbirgt sich für die anderen dahinter ein Komödienstoff mit Tiefgang.

Dagegen einer Meinung sind die Zuschauer in einer Sache: Barbara und Ralf Rummel spielen sich an diesem Abend die Seele aus dem Leib, gehen über Grenzen und gäbe es für ihre rasante, thematisch dichte, wortgewaltige bisweilen schmerzhafte Bühnenpräsenz Noten - hätte das Ehepaar eine "Eins mit Sternchen" verdient.

Muss man eigentlich immer alles genau verstehen und analysieren? Vielmehr sollten die Zuschauer das durchaus humorvolle Stück entspannt genießen und sich bei dieser ausgewogenen, multiperspektivischen Darbietung erst gar nicht mit der Frage aufhalten, wieso und weshalb etwas auf, vor und hinter der Bühne geschieht. Jo und Stephen laden ein befreundetes Paar und die "alte" Freundin Bee samt ihrem neuen Lover Alex zum Abendessen ein.

Leider tat dies der zerstreute Gastgeber außerdem mit Barney, dem Ex von Bee. Panisch und kopflos setzten die beiden alles daran, damit sich das einstige Liebespaar auf keinen Fall in der Wohnung trifft, denn dieser Fauxpas würde den Abend garantiert versauen. Temporeich und rekordverdächtig schlüpfen Barbara und Ralf Rummel in sieben Rollen, verkörpern diese bonbonbunten Charaktere mit ungezügelter leidenschaftlicher Spielfreude, ohne Rücksicht auf Verluste. Gemeint ist damit Barney, dessen Frisur noch schlimmer als sein Whiskykonsum war.

Dagegen kann "Frau" alles tragen, sogar einen XXXL-Joint "versteckt" im Rasta-Look. Dankbar sowie "aus einem Guss" greift das Ehepaar Margarete Kienzles Freiraum auf, so rennen, trampeln und stolpern beide bei der Regisseurin im Minutentakt von Tür zu Tür. Dabei schreien und flüstern sie, verstecken sich dahinter, kämpfen, verzweifeln oder improvisieren mit ausladender Mimik, wild-gestikulierende Körpersprache und das sogar in der Unterbüx.

Was alles schiefgegangen ist, erfährt der Zuschauer im zweiten Akt. Die Perspektive wird "hinter der Bühne" gewechselt und die "Chinesen" werden endgültig zum "Falschen Film". Zudem besteht zwischen den Schauspielern mehr als eine Arbeitsbeziehung, schließlich waren sie doch auch einmal ein Ehepaar. Insofern konnte man mitfühlen, was die beiden privat umtreibt - und genau dann kommt sogar etwas Traurigkeit und Melancholie ins Spiel. Doch am meisten glänzt das aberwitzige "Spiel im Spiel" mit reichlich grotesker Situationskomik, die bisweilen an Slapstick erinnert.


NWZ: SABINE ACKERMANN | 12.03.2012
Engel
Engel

Szenische Collage mit Leben erfüllt

Theater „dacapo" beeindruckt mit schwierigem „Engel"-Stück

Mit "Engel" geht das Göppinger Theater "dacapo" der Frage nach, was erleben die Protagonisten wirklich und was nicht? Was kann sein und was nicht? Ungewohnt, sehenswert und exzellent gespielt.

"Man sagt ich sei schön, aber, das mag am Licht liegen oder am Alkohol", schließt Barkeeperin Asta (Regina Gentsch) ihr Lokal der rätselhaften Absurditäten auf, in dem die Erinnernden, Vergessenden und Verdrängenden schonungslos ihr heilloses Durcheinander an Gedanken, Gefühlen, Widersprüchen und Verletzungen offenbaren.

Als eine Art Conférencieuse wird Asta an diesem Abend noch jede Menge sagen, meist mit monotonem Klang kennt die "stille" Beobachterin nicht nur die Getränke, sondern auch die Namen ihrer Gäste und deren groteske Geschichten. Bruchstückhaft, oft werden den Zuschauern die spröden Gesprächsfetzen wie Brocken hingeworfen, agieren die Mimen gewohnt professionell in rund 23 Einzelszenen oder schieben die mit textilen Leuchtschnüren verzierten Trennwände (tolle Idee) begleitet von Musik (Wolf Schweizer-Gerth) flugs hin und her.

Doch wer weiß schon, wo man einen Engel trifft? Vielleicht nachts in einer Bar, zu Hause, in einem Hotelzimmer oder doch tagsüber, in einem Tattoo-Studio, auf der U-Bahn-Treppe? Oder verweilt das Himmelswesen gar in Polen, in einem Restaurant oder mitten der Dünen?

Aufgeteilt in "Verletzung", "Gedanken" und "Herz" begegnen sich die "Suchenden", die manchmal über ihre eigenen Füße stolpern, für die Dauer eines Glases Rotwein, Bieres oder einer Schale Erdbeeren. Der aus dem Gedächtnis heraus malende Hardy, Hartmut Kopetzki (faxe Helmle) behauptet, in Polen gesehen zu haben, wie Olaf (Sebastian Langenhagen), das ist der mit dem freien Zimmer, die im Sand zurückgelassene Elisabeth (Anika Müller) ermordet hat. Oder Hanno Biskop (Gerhard Schelle), der nach dem Tod seiner Frau an Tochter Heike (Margarete Kienzle) hängt, bis die verstorbene Sonja/Elfi (Barbara Langensteiner) plötzlich wieder Einlass begehrt. Und Axel (Klaus Wolfframm), der nostalgische Liebhaber mit Vorliebe für die Farbe Rot, seien es Haare oder Früchte, welcher das vor 19 Jahren mit Ulla (Barbara Rummel) gefundene Glück, in Zimmer 29 wieder aufleben lassen möchte. So bunt wie ein Kaleidoskop ist diese moderne Szenerie mit Momenten von Melancholie, Zärtlichkeit, Leidenschaft, Hoffnung, Verzweiflung, Wut, Ironie und auch Leere. Eben normale Leute mit normalen Neurosen.

Bei der "Engel"-Premiere im Göppinger Odeon waren manche der zahlreichen Zuschauer hin- und hergerissen. Einerseits gebührt allen Darstellern großer Respekt für die beeindruckende schauspielerische Leistung, andererseits, wer einen Abend der leichten Unterhaltung mit Entspannungsfaktor suchte, war fehl am Platze. Anja Hillings Stück lässt sich in keine Schublade stecken und ist wie angekündigt eine "Vergessens- und Gedächtnis-Collage", die keinen schlüssigen Sinn ergibt und aus verschiedenen Beziehungsschnipseln um das ewige Thema "Liebe und Geborgenheit" konfus zusammengeklebt ist.


NWZ: ANDREA MAIER | 29.03.2010
Tannöd
Tannöd

Das Schweigen im Dorfe

Im voll besetzten E-Werk glänzte das Dacapo-Theater Göppingen in seiner Premiere von "Tannöd - mehr als ein Krimi". Die Aufführung gerät zum Bravourstück des Amateurtheaters.

"Ausverkauft", strahlt Klaus Ege von Odeon. Bei einer Theater-Veranstaltung ist das selten. Das Göppinger Dacapo-Theater gibt seine zwölfte Premiere im Haus: Ein düsteres Stück um einen tatsächlichen, bis heute nicht geklärten Mord in einem bayerischen Dorf der 20er Jahre. Weit mehr Publikum als erhofft ist gekommen, die Bühnenversion von "Tannöd" zu sehen. Die Dramaturginnen Maya Franke und Doris Happl haben den Roman von Andrea Maria Schenkel fürs Theater adaptiert, Margarete Kienzle feiert mit der Inszenierung ihr Regie-Debüt.

Glockenschläge hallen, Jesus am Kreuz schaut vom projizierten Bild auf eine karge Bühne. Stühle links, ein Tisch mit Stühlen rechts, das ist genug. Manchmal schleicht das Geräusch schweren Atmens aus dem Off, Lichtkegel geben Räume, Kostüme, Bilder und Habitus versetzen in andere Zeiten. Maske, Gesten, Körperhaltung, Blicke zeugen von niedergedrücktem Leben, von Furcht, Misstrauen und Scham, von herrischer Gewalt und bitterer Hilflosigkeit. Das erstarrte Wegschauen eines ganzen Dorfes wird von wenigen Figuren als kollektive Tat entlarvt. Bigottes Beten in Schuld, gottlose Demut, fragwürdige Gemeinschaft der Heiligen. Demütigungen, hündische Ergebenheit in trostloser Einsamkeit, "und sie liebt ihn, auch wenn er sie schlägt". Alle ahnen, viele sehen, niemand greift ein - nichts ändert sich von selbst. Wie in einer Blase aus Verlorenheit schwanken die Einzelnen, im Leid an der eigenen Geschichte. Die Figuren erzählen einer Unbekannten, erzählen ihr von sich, von anderen und dem, was das Grauen in das Dorf gemeißelt hat. Heimatklänge und Sensentänze pointieren ein vermeintliches Idyll. Choreografische Elemente sind hier gemeint, erscheinen aber doch überflüssig gewollt. Wie ein Blitz zuckt die grausam verzweifelte Tat durchs Dunkel.

"Und dLiab. . . lässt ma gar nia mei Ruah". Die Akteure winden sich in Schuld, sie biegen sich fort und erstarren mitten im Leben. Laura Stehle, Gerald Schelle, Barbara Rummel, Anika Müller, Tanja Lösching, Regina Gentsch, Klaus Wolffram, Monika Zylla, Elke Scholz-Helmle, Sebastian Langenhagen, Monika Nuding, Gerline Arand und Ralf Rummel erschaffen die Entwicklung der Tragödie auf bemerkenswerte Weise. Kaum ein Schnörkel, kein Firlefanz. Die Schauspielenden glänzen in ihren Fähigkeiten in eine Rolle zu wandern, sich in ihr eine Geschichte zu geben. Die Verbrechen entstehen in den Sinnen des Publikums. Eine hohe Kunst, ein Bravourstück des Göppinger Amateur-Theaters. Viele Minuten hält der Applaus, feiert die Darstellenden und begleitet sie allmählich aus den Rollen ins Hier und Jetzt. Die düstere Starre mündet in eine fröhliche Premierenfeier.

Weitere Aufführungen von Tannöd im Alten E-Werk gibt es am 30. April, 22. Mai und 11. Juni

Die Göppinger Theatergruppe Dacapo lieferte mit ihrer Premiere des düsteren Stückes "Tannöd - mehr als ein Krimi" im Alten E-Werk ein mit viel Beifall bedachtes Bravourstück ab.


NWZ: ANDREA MAIER | 06.10.2008
V. Die Panik
V. Die Panik

Panik, die aus Trägheit folgt

"Da Capo" überzeugen mit einem Stück des Argentiniers Spregelburd

Die Göppinger Theatertruppe Da Capo bringt mit "Panik" ein Stück des Argentiniers Rafael Spregelburd auf die Bühne. Im Alten E-Werk verfolgten rund 180 Zuschauer die gelungene Premiere. "Wenn ein Gott leidet, hört die Welt auf, zu sein." Ein Mann stirbt. Seine Familie ist verwirrt, zerstreut, zerrieben. Seine Geliebte ist in einer anderen Welt, dem Toten ebenso fern. Ein Schlüssel fehlt. Rasender, blinder Aktionismus, ja, Panik kommt auf. Und diese Panik ist Teil eines siebenteiligen Zyklus, in dem sich der argentinische Autor Rafael Spregelburd mit den sieben Todsünden beschäftigt. Waghalsiges Thema, möchte man meinen, starker Tobak oder gar: Haben wir nicht schon genug Sorgen? 14 Spielende, ein Sprecher, ein Regisseur gehen mit einer Inszenierung in zwölf Szenen und einer großen Portion Spielfreude das Wagnis ein. Sie spielen, was das Zeug hält. Hetzen, rennen, rasen, tanzen, jagen über die Bühne. Sie kreischen, schnappen nach Luft, brechen auf, be- und verdrängen - sie katapultieren die Existenzen ihrer Figuren ins Zuschauerbewusstsein. Gut, man braucht nicht zu merken, dass es um das Wesentliche geht. Man muss die Deutung nicht ersinnen. Man kann auch einfach nur zusehen, wie andere sich plagen und damit einen wirklich unterhaltsamen Abend genießen.

Die Leute von Da Capo sind gut. Allesamt und vorneweg Barbara Rummel als aufreibend hyperaktive Mutter Grynberg. Selbstverständlich geht es auch ganz anders. Zumindest Mithilfe des erhellenden Beiheftchens. "Die Panik bezieht sich auf das Laster der Trägheit, mit der die ursprüngliche Gleichgültigkeit des Menschen gegenüber Gott und dem Glauben gemeint ist." Aha. Und da haben wir also erst einen und dann zwei Tote, die noch wacker sinnierend mitleben und einen Haufen Lebende, die sich fast zu Tode eilen. Wenigstens rasen sie mit jeder Aktion weiter weg von dem, was das Wesentliche sein könnte. Im Beiheft wird der Buddhist Rinpoche zitiert. Der vermutet die Trägheit des westlichen Menschen nämlich in seinen fieberhaften Aktivitäten, die ihm nicht die Zeit lassen, sich "mit den wahren Fragen auseinanderzusetzen". Da ist sie, die Verbindung. Und dann fehlt da eben dieser Schlüssel. Nur ein unerfahrener Theatergänger kann glauben, dass der wirklich nur für das Bankschließfach vonnöten ist. So viel Symbolkenntnis ist erwartbar. Der Schlüssel würde natürlich die Tür zum Wesentlichen öffnen und auch zur Welt der Toten. Zum Wesen der Dinge und Menschen, im besten Fall zum Wesen des Seins schlechthin. Klar, dass er dort steckt, wo ihn niemand sucht, er wäre sonst kein guter Symbolschlüssel. Und ja, er wird gefunden, aber leider ohne die nötige Bewusstheit. Es lohnt sich wahrlich, diese Wirrungen selbst anzusehen. Auch ein zweites, ein drittes Mal. Nur eines gilt zu bedenken: Lassen Sie sich nicht von der Fülle des lebhaften, agilen und unterhaltsamen Spiels vom Blick auf das Wesentliche ablenken.


NWZ: Kurt Lang | 28.11.2006
Bahnhof.Adieu
Bahnhof.Adieu

Premiere von "Bahnhof.Adieu" mit der Göppinger Theatergruppe dacapo im Alten E-Werk

Viele Schicksale in bunten Flickenteppich verwoben "Bahnhof Adieu" gleicht einem Flickenteppich, in den sich Szene für Szene neue Lebensschicksale hineinweben. Der Göppinger Theatergruppe dacapo gelang es auf beeindruckende Art, Denise Bonals Werk über Ort, Zeit, Abschied und Wiederkehr milieugetreu aufzuführen. Auf der großen Bahnhofsuhr ist es 12.03 Uhr, doch es dreht sich nur ein einziger Zeiger, der für die Sekunden. Die Zeit, sie bleibt stehen - Minuten und Stunden denken gar nicht daran, sich auch nur einen Deut zu bewegen. Wozu auch, irgendwann ist es doch wieder drei nach Zwölf. "Da kommt man, da geht man, da kommt man wieder", sagt eine Reisende. Denise Bonals im Jahr 2000 geschriebenes Stück spielt in einer Bahnhofshalle - kein Ort könnte besser geeignet sein, Gefühle des Abschieds oder des Wiedersehens, der Wehmut oder der Hoffnung sinnbildlich zu verdeutlichen. Ein Paradies zum Wohlfühlen oder gar zum gemütlichen Verweilen ist er nicht unbedingt, der Bahnhof. Eher nüchtern und kühl ist im alten E-Werk denn auch das Bühnenbild (Ralf Rummel, der zugleich Regie führt). Die Menschen, die meist gehetzt dem Ausgang oder dem Bahngleis zustreben, geben sich flüchtig, fahrig, zerstreut. Es ist die Heimat der Obdachlosen, die im Abfallkorb wühlen und vom "Geruch der Menschlichkeit" sprechen, und die nichtssagende Erlebniswelt zweier Putzfrauen, derweil eine Reisende tiefsinnig sinniert: "Wer weiß, man steigt ein in den Zug und es ist Frieden, man steigt aus, und es ist Krieg". Sie kann sich noch gut an früher erinnern, an die "kleinen gelben Sterne" auf dem Bahnsteig - die Deportation der Juden. "Bahnhof Adieu" gleicht einem bunten Flickenteppich, in den sich Szene für Szene stets neue Lebensschicksale hineinweben, die durchaus auch humorig unterlegt sein können, dann etwa, wenn ein Ehepaar kurz vor der Abfahrt feststellt, die Fahrkarten vergessen zu haben: "Zurückkehren ohne fortgefahren zu sein, das macht Laune." Ralf Rummels Inszenierung ist ganz darauf bedacht, die Ausdruckskraft der 15 Akteure individuell zur Entfaltung zu bringen. Sieht man von wenigen sprachlichen Mängeln und Textunsicherheiten ab, ist dies den dacapo-Darstellern bravourös gelungen. Das Premiere-Publikum dankte mit kräftigem Applaus.


NWZ: Kurt Lang | 15.03.2004
Gedächtnis des Wassers
Gedächtnis des Wassers

Und über all dem schwebt die tote Mutter.

Dacapo spielt "Gedächtnis des Wassers" von Shelagh Stephenson.

Dem einen oder anderen Besucher wird wohl eine ordentliche Gänsehaut über den Rücken gelaufen sein, musste er sich doch im Kassenbereich des Alten E-Werks an einem blumengeschmückten Sarg vorbeizwängen. Das in helle, freundliche Farben getauchte (Bühnenbild) ließ jedoch kaum Anzeichen von Düsternis aufkommen, zumal die Schwestern ohnehin nicht im Sinn hatten, in stilles Trauergedenken zu verfallen. Mit geballter Worteskraft werden alte Kindheitskonflikte aufgebrochen. Regina Gentsch (Teresa) glänzte während ihres alkoholträchtigen Dialogs mit schauspielerisch reifer Leistung, derweil auch Barbara Grajewski (Maria), Sabine Jähnig (Katharina), Elke Scholz-Helmle (Violet, die Mutter) und "faxe Helmle" nach der Pause ihr Spiel zusehends steigern konnten, um so dem Abend launige Luftigkeit zu verleihen.


NWZ: Marcus Zecha | 28.10.2002
Letzte Lieder
Letzte Lieder

"Letzte Lieder" eines Sterbenden

Gelungene Premiere von Thomas Faupels Inszenierung "da capo" ist immer für Überraschungen gut. Ein Hörspiel in eigener Bühnenfassung. Das Experiment hat sich gelohnt: Thomas Faupels erste Regiearbeit lotet behutsam zwischen der Intimität des Hörspiels und den Erfordernissen der Bühne aus.


NWZ: Marcus Zecha | 05.11.2001
Antigone
Antigone

Der Machtmensch und das Mädchen.

Jean Anouilhs Fassung der griechischen Tragödie Anouilhs Antigone, das ist nicht der leichteste Stoff für eine lupenreine Amateurtheatergruppe. Ein Jahr lang hatten sich die Mitglieder des Göppinger "da capo" Theater an Wochenenden und nach Feierabend mit dem Drama um die renitente Königstochter auseinandergesetzt. Deutlich arbeitete das Ensemble denn auch am Samstag bei der Premiere im Alten E-Werk den Konflikt heraus zwischen dem Pragmatismus der Macht und dem Aufbegehren gegen die Staatsräson.


NWZ: Kurt Lang | 15.02.2000
Der letzte der feurigen Liebhaber
Der letzte der feurigen Liebhaber

Nerviger Seitensprung in Omas Plüschsessel.

Die Theatergruppe "da capo" glänzt mit einer Komödie. Der regieführende Klaus Caesar gestaltet die Auseinandersetzung zwischen gesetztem Mittelstand und ausgeflippten Neurotikern zum Fundament seiner Inszenierung. Und er läuft niemals Gefahr, dabei auf Sand zu bauen, hat er doch mit Ralf Rummel einen überzeugend spielenden Barney Silberman, dem Barbara Grajewski, Anne Knauber und Regina Gentsch als dessen "Gespielinnen" nicht minder bravourös zur Seite stehen.


NWZ: Kurt Lang | 15.09.1998
Der Faulpelz Paul Felz
Der Faulpelz Paul Felz

Auch Faulheit will trainiert sein!

"Der Faulpelz Paul Felz" mit Klaus Caesars Ensemble "da capo".

Ein von Klaus Caesar bestens in Szene gesetztes Stück für Kinder und Erwachsene, dessen Handlungsgerüst kurzweilig-locker aufgebaut ist und den Großen unter den Besuchern fast schon philosophische Weisheiten, zumindest jedoch sozialkritische Nachdenklichkeit zu vermitteln vermochte. Eine erneut empfehlenswerte "da capo" Aufführung.


NWZ: Marcus Zecha | 11.11.1996
Der Untergang der Titanic
Der Untergang der Titanic

Aparte Bilder einer gesellschaftlichen Auflösung

"da capo" mit einer Adaption von H.M.Enzensberger.

Ein apokalyptisches Welttheater des Unterganges. Regisseur Klaus Ceasar findet hierfür aparte und poetische Bilder. Eine gelungene, atmosphärisch dichte Umsetzung des Enzensberger-Textes.


NWZ: Marcus Zecha | 24.11.1995
Warten auf Godot
Warten auf Godot

Risse in der Fassade des Selbstbetrugs.

Gelungener Auftakt der Theatertage.

"da capo" sorgte mit dem Beckett-Stück "Warten auf Godot" für einen gelungenen Auftakt der 32. Internationalen Göppinger Theatertage. Unter der Regie von Klaus Caesar zeigten die Akteure anspruchsvolle darstellerische Leistungen, allen voran Ralf Rummel als durchaus komischer Vagabund Estragon und Thomas Faupel als gewalttätig-zynischer Pozzo. "Warten auf Godot" hat bei den Göppinger Theatertagen einen hohen Maßstab gesetzt.


NWZ: Heinrich Domes | 29.01.1994
Des Kaisers neue Kleider
Des Kaisers neue Kleider

Die Blöße der Majestät.

Theater für Kinder: "Des Kaisers neue Kleider" im Alten E-Werk. Geschickt verknüpft Ceasar in der Aufführung des "da capo" Theaters die Not der armen Leute, die ihren Grips gebrauchen müssen, um sich selbst zu helfen, mit der alten Andersen-Geschichte. Das "da capo" Ensemble besetzt die Rollen typengerecht und sorgt für eine adäquate Aufbereitung des Märchenstoffes.


NWZ: Heinrich Domes | 06.04.1993
Das Ende vom Anfang
Das Ende vom Anfang

Das Ende, das ein Anfang ist.

"da capo" startet mit einem Stück des Iren Sean O'Casey.

Mit einem Stück des schrullig-poesievoll-sozialkritischen Iren Sean O'Casey steckt sich "da capo" für die Premiere bei ODEON in der Wasenhalle in Jebenhausen ein ziemlich ehrgeiziges Ziel. In der Bearbeitung durch Klaus Ceasar wird wieder einmal bewußt, wie schwer die Kunst des leichten Spiels ist. Die neue Konzeption zeigt sich in Rollenpsychologie, Szenenintensität und determiniertem Stückbewußtsein. Besonders schön zum Ausdruck gebracht im Bühnenbild Doris Häckers.